Plattdeutsch im Interview

Zum Thema Dialekte haben wir zum Interview geladen und eine waschechte Ostfriesin erwischt. Ellen Friese kommt ursprünglich aus dem kleinen Dorf Bockhorn in der Nähe von Wilhelmshaven, hat in Trier studiert und wohnt derzeit in Hamburg. Im Gespräch hat sie uns geschildert, wie sie ihre Heimatsprache erlebt, wie sie damit umgeht und was man sich unter dem Begriff „Plattdeutsch“ vorstellen kann.

 

Wenn du Plattdeutsch hörst, was kommt dir da als erstes in den Sinn?

Dass ich nichts verstehe, obwohl ich es gerne verstehen würde! Es gibt ja Abstufungen. Das Plattdeutsch aus Schleswig-Holstein ist ein anderes Plattdeutsch als in Ostfriesland. Mein Vater kann das Plattdeutsch aus Schleswig-Holstein nicht verstehen, obwohl er das Platt aus unserer Gegend fließend spricht.

Kannst du ungefähr einschätzen, wie viel du verstehst?

Es geht einigermaßen, wenn ich länger zuhöre und den Zusammenhang kenne. Selber sprechen könnte ich es nicht. Wenn das Wort ähnlich klingt, dann verstehe ich das natürlich. Die Grammatik ist aber teilweise anders. Klar, wenn die dann noch schnell sprechen, ist es ganz vorbei.

Plattdeutsch ist ein sehr weit gefasster Begriff. Würdest du das jetzt eher als Dialekt oder schon als eigene Sprache bezeichnen?

Die Leute aus meiner Gegend nennen es Sprache. Zumal es viele Wörter enthält, die ans Englische erinnern und nur deutsch ausgesprochen werden. Ich selbst würde es trotzdem als Dialekt bezeichnen.

Sprechen viele Leute aus deiner Heimat Platt oder wird das eher von der älteren Generation gesprochen?

In Friesland spricht es eher die ältere Generation, da es auch nicht in der Schule als Wahlfach angeboten wird. In Ostfriesland sprechen es noch viele Leute die jünger sind und Platt zu Hause gelernt haben. Bei Teenagern kenne ich das hingegen kaum noch.

Findest du es schade, dass Plattdeutsch langsam verschwindet?

Auf jeden Fall. Ich bin generell dafür, dass Dialekte erhalten bleiben müssen, da sie ein großer Teil einer Kultur sind. Deswegen würde ich es begrüßen, wenn Plattdeutsch früh in Schulen als Fach wählbar wäre.

Wie in Hamburg also? Dort gibt es Platt im Unterricht.

Das wusste ich gar nicht! Ich finde das ist eine gute Möglichkeit, damit Platt, oder egal welcher Dialekt, nicht in Vergessenheit gerät und weiter gegeben wird.

Bei Niedersachsen denkt man doch immer zuerst an Hochdeutsch und Hannover. Gab es dann bei den Platt-Sprechern auch mal Probleme mit dem Hochdeutschen?

Das habe ich noch nie erlebt. Alle die Platt sprechen, können auch perfektes Hochdeutsch. Da spielt das Alter keine Rolle.

Hast du denn ein Lieblingswort im Platt?

Kein Lieblingswort, einen Lieblingssatz! „All up Stee!“, da dachte ich immer, das hieße „Alle aufstehen!“. Dabei bedeutet es „Alles in Ordnung“. Zu Hause am Tisch wurde mein Versuch im Platt nur mit „Ja, das is ja schön.“ kommentiert. Aufgestanden ist niemand. Ich habe auch ein Büchlein mit Wörtern und ganzen Sätzen auf Platt, weil ich mehr lernen wollte. Leider fehlten mir die Hinweise zur richtigen Aussprache.

Ist die Aussprache so besonders? Im Englischen ist es ja ähnlich. Da schreibt man kaum etwas so, wie es am Ende gesagt wird.

Ja, und es klingt auch teilweise sehr holländisch. Mein Vater sagt, da er Plattdeutsch spricht, versteht er sehr viel Holländisch. Sprechen kann er es jedoch nicht.

Im Deutschen gibt es ja viele Dialekte, in denen alles Mögliche anders ausgesprochen wird. Hast du, abgesehen vom Platt, Dialekte, die du besonders gerne magst oder nicht hören kannst?

Das Bairische find ich nicht so toll. Das macht mich irgendwie aggressiv. Ähnlich geht es mir mit Sächsisch. Dasselbe gilt für das Trierer Platt. Das verstehe ich bis heute nicht. Dagegen kann ich den Berliner Dialekt gut leiden und natürlich Hamburg, ganz klar.

Was genau findest du an Berlinerisch so toll beziehungsweise was nervt dich konkret an anderen Dialekten?

Ich mag am Berlinerischen die Aussprache und den Tonfall. Eine Kollegin von mir kommt aus dieser Ecke und ich frage sie immer, ob sie noch mal etwas auf Berlinerisch sagen kann. Es macht mir einfach gute Laune. Andere Dialekte, wie zum Beispiel Bairisch, nerven mich aus denselben Gründen. Ich kann gar nicht richtig erklären, warum das so ist. Es ist eine persönliche Empfindung.

Kannst du dir vorstellen, dass andere Leute ihren Dialekt nicht nur toll finden sondern sogar darunter leiden? (Stichwort Sächsisch)

Ja, das kann ich mir vorstellen. Da öfter im Fernsehen oder anderen Medien Dialekte unter die Lupe genommen werden und zum Beispiel Sächsisch nie gut wegkommt. Leute, die diesen Dialekt sprechen, werden manchmal schon etwas aufs Korn genommen. Die Betroffenen empfinden das dann nicht als positiv und wünschen sich vielleicht, nicht so einen starken Dialekt zu sprechen.

Man bemerkt bei dir auch einen kleinen Einschlag, obwohl du kein Platt sprichst. Wurdest du deshalb schon einmal angegangen? Oder bringt dir das eher Sympathiepunkte?

Ich persönlich habe noch nie etwas Negatives in Bezug auf meine Aussprache erlebt, ganz im Gegenteil! Manche finden es niedlich wie ich rede. Ich selber empfinde aber nicht, dass man hört, aus welcher Ecke von Deutschland ich komme. Trotzdem bekomme ich des Öfteren gesagt, dass man mir meine norddeutsche Herkunft anhört.

Angenommen du hättest eine Mitbewohnerin/einen Mitbewohner, die/der nur Bairisch spricht. Wär das für dich ein Grund auszuziehen?

Nein, das auf keinen Fall. Wäre ich in so einer Situation, könnte ich mich damit arrangieren. So wenig mag ich Bairisch dann doch nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

(ds)

 

Titelbild: „DeichvorlandBeiNessmersiel“ © Frisia Orientalis / CC BY-SA 3.0 

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