Freunde fürs Leben e. V./ FONRY

Zeichen setzen

Wenn Interpunktionszeichen mehr sagen als Worte

Im Comic sind sie ein gern verwendetes Stilmittel, Sprechblasen mit einzelnen oder mehreren Satzzeichen. Aber genauso auch in SMS oder Chats ersetzen Zeichen Worte und erhalten eine metasprachliche Funktion. Geradezu symbolische Strahlkraft erlangt der ansonsten eher unbeachtete Strichpunkt durch das „Project Semicolon“.

Eigentlich gehört das Semikolon zu den vernachlässigten Zeichen. Es ist kein Muss, sondern entspringt einer subjektiven Wahl und ist damit mehr ein stilistisches Mittel. Je nachdem wie strikt der Autor Sätze oder Wortgruppen voneinander trennen möchte, um Klarheit und Struktur zu schaffen. Ein anderer würde auf ein Komma oder einen Punkt zurückgreifen. Von der Bedeutung her ist das Semikolon stärker als ein Komma und schwächer als ein Punkt. Damit werden Sätze oder Wörter, die mit einem Semikolon getrennt werden, zwar unterbrochen, stehen aber in einem engen Zusammenhang. Dieser gegenseitige Bezug ist eine wichtige Voraussetzung für ein Semikolon.

„Your story isn’t over yet”

Das ist ein Grund, warum sich Amy Bleuel das Semikolon nach dem Selbstmord ihres Vaters tätowieren ließ. Sie musste nicht nur den Tod ihres Vaters ertragen, sondern ebenso traumatische Erfahrungen wie Drogenmissbrauch, Vergewaltigung und Despressionen verarbeiten. „Despite the wounds of a dark past I was able to rise from the ashes, proving that the best is yet to come.“ Sie gründete 2013 das „Project Semicolon“, um dem Thema Depressionen und besonders den Erkrankten eine Plattform zum Austausch zu geben. Und ein Zeichen mit Symbolkraft, das alle verbindet. „A semicolon is used when an author could’ve chosen to end their sentence, but chose not to. The author is you and the sentence is your life. “ Das tätowierte Semikolon bedeutet nicht das Ende, sondern einen Anfang. Mit dieser Aktion sorgt das christlich orientierte Non-Profit-Unternehmen weltweit für Aufsehen, beansprucht aber nicht für sich, psychologische Hilfe leisten zu wollen. Es geht darum, dass Süchtige oder Depressive ihre Geschichte erzählen und miteinander in Kontakt treten können. Und das tun sie, wie die Follower-Zahlen in den sozialen Netzwerken belegen. Sie zeigen damit, dass keiner alleine ist und reichen einander die Hand, wenn es im direkten Umfeld keiner kann. Es gibt einen Ausweg. Ein tätowiertes Semikolon ist dazu kein Muss. Es sind zahlreiche Varianten vorhanden: das Semikolon als Schmuckstück, T-Shirt-Aufdruck oder einfach aufgemalt.

Auch in Deutschland findet das Thema große Beachtung. Der Berliner Verein „Freunde fürs Leben“, der Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Suizid und seelische Gesundheit aufklärt, unterstützt die Aktion und hat selbst temporäre Tattoo-Vorlagen entworfen, für alle, die sich das Semikolon nicht unter die Haut stechen lassen möchten. „Die Semikolon-Kampagne transportiert eine tolle Botschaft für mehr Toleranz und Aufklärung. Eine weit angelegte Kampagne im Zeichen der Suizidprävention ist schon lange überfällig“, so Vereinsleiterin Catharina Woitke. „Allerdings war es uns wichtig, eine Alternative zum permanenten Tattoo zu entwickeln.“ Sozusagen abwaschbare Solidarität, die nachhaltig Wirkung zeigt: der Erlös kommt der Suizidprävention zugute.

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